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Mirok Li: Vom Yalu bis zur Isar
 Admin|Ralf, Verfasst am: Di Jul 18, 2006 14:09

Vom Yalu bis zur Isar
Erzählungen
Mirok Li, herausgegeben von Kyu-Hwa Chung
Waegwan 1982
Broschiert, 230 Seiten
(leider) noch nicht in Deutschland erschienen

Über den Inhalt:
Frau Min hat es nicht unbedingt leicht: Nach dem Tode ihres Mannes wollen ihre Landgüter verwaltet werden, die Ernte muss eingebracht und geschützt werden und die Zeichen der Zeit verkünden einen Vorgeschmack auf den bevorstehenden Umbruch im Lande. Ihre größte Sorge allerdings gilt ihrem einzigen Sohn, dem vierzehnjährigen Sushim, welcher- nach ihrer Meinung- von seinem Vater zu einem zu weichherzigen, arglosem Knaben herangezogen wurde, der lieber dem Ideal chinesischer Gedichte nachhängt.
Als seine Mutter einen Knecht, der sie um deren Ernte betrogen hatte, der Polizei ausliefert und ins Gefängnis gesteckt, was das Verhältnis des Sohnes zur Mutter nun noch mehr Schaden zufügt: Wie konnte sie nur so grausam sein?! Vielmehr verschließt er sich und öffnet sich nur noch seinen Freunden, Mahnki und Yongma, von denen er auch über die neuen Zustände im Land erfährt. Aber nicht nur diese Neuigkeiten hält das Leben noch für ihn bereit, auch das von seiner Mutter vor ihm lang gehütete Geheimnis seiner Herkunft wird offenbar. „Der Kampf um den Sohn“- für die Mutter geht er unweigerlich verloren.

Der Weg nach Westen“ beginnt für den Ich- Erzähler mit einer umfassenden Relexion über die ewige Pflicht des Sohnes gegenüber seiner Eltern im ostasiatischen Kulturkreis. Während er auf den Weg nach China den Yalu überquert, durch die Manschurei reist oder in Shanghai festsitzt, immer wieder muss er an das ewige Gesetz denken, bevor er für immer im Bauch der Paulecat, einem Dampfer, in Richtung Europa aufbricht...

Auch endlich in Deutschland angekommen, will ihn das Glück nur kurz beglücken. „Einige Zeit später schreibe ich weiter. Es ging mir nicht schlechter als sonst.“ Aber schon kündigen sich Mattigkeit und ständige Müdigkeit an, die Vorboten einer langen und hartnäckigen Krankheit, welche den Schreibenden fest im Griff halten wird. Zunehmens wird es ihm schwerer werden, sein Studium aufrecht zu erhalten. Hinzukommen Zweifel, ob sein Studium wirklich das richtige sei. Aber auch von der Begegnung mit netten Zeitgenossen berichtet er, mit dem Chinesen Fanhai, seinen Studienkollegen oder seinem Tutor durch sein Studienpraktikum, einem gewissen Schill, der ihn auch letzten Endes zu seiner Studienarbeit inspiriert. Und auch wenn vor seiner Haustür die Isar friedlich ihrer Wege zieht, so ist ihm dennoch klar: „Immer noch fließt der Yalu“...

Fazit:
Nach „Der Yalu fließt“ wird dieses Werk oftmals als eine Art „Nachfolger“ gehandelt, womit allerdings dem Buch durchweg Unrecht getan wird. Vielmehr handelt es sich um eine wesentlich literarisch vielschichtigere und ebenso interessantere Umsetzung der gleichen Geschichte- Mirok Lis Geschichte- jedoch bereits mit wesentlich mehr Abstand zu seinem eigenen Leben. Nicht umsonst erzählt er- im Gegensatz zu „Der Yalu fließt“ drei Geschichten aus jeweils drei Unterschiedlichen Perspektiven, so als wollte er sagen: Schaut her, es ist mein Leben und doch ist es nicht mein Leben. Da gibt es keinen Jungen mehr, der Mirok heißt, vielleicht deshalb, weil ihm bewusst wurde, dass es diesen Jungen nicht gab. Oder dass er diesen nicht mehr auf dem Papier wiederauferstehen lassen kann. Oder weil er sich seiner schämt: Der, der von seiner Mutter soviel Liebe in Anspruch genommen hat und ihr stillen Kummer bereitete, ist nun bewusst geworden, wie sehr sein ungewollter Bruch mit dem „ewigen Gesetz“ vom treuen und gehorsamen Sohn, der ehernen Bestimmung Ostasiens ihr bis zum letzten Moment ihres Lebens Gram bereitet haben musste.
Durch eben diese Perspektivwechsel erhält das Buch aber plötzlich eine neue Dimension an Authentizität. Es schildert ein Lebenslauf- vielleicht aber auch drei ganz unterschiedliche- ganz so, als würde man aus drei verschiedenen Richtungen in einen Opal sehen. Auch scheint Li dadurch wesentlich mehr Einblicke in die beiden völlig fremden Kulturkreise erlangt haben- wer in „Der Yalu fließt“ ein Band zwischen den Welten gefunden hat, wird mit dem Buch eine fest gemauerte Brücke finden können. Nicht weniger besticht das Werk aber ebenso durch seine, Lis Handschrift entsprechend unverkennbar ruhigen Prosa und warmen, aber dennoch nicht niemals rosa gefärbten oder unbedachten Erzählweise.
Etliche Passagen in dem Buch, welches es erst nach seinem Tode über Umwege doch noch in den Druck schaffte und von Prof. Kyu-Hwa Chung herausgegeben wurde, werden dem Leser von „Der Yalu fließt“ vielleicht bekannt vorkommen, nicht zuletzt sind die drei Novellen Fragmente und möglicherweise sogar Manuskripte bzw. Teile davon, welche er in seinem Roman verwendete oder ggf. weiter überarbeiten wollte.
Dennoch kann man eigentlich nur von Glück sprechen, dass diese Texte ihr Ziel in gebundene Form dennoch erreichten und dieses Buch zustande kam- ein Glücksfall deshalb, da Li selbst große Teile seines schriftlichen Nachlasses noch kurz vor seinem Tode verbrannte.
Zusätzlich gibt es nach dem Nachwort noch 13 Seiten mit Schwarz- Weiß- photografien, auf denen der Autor selbst in seiner neuen Wahlheimat zu sehen ist- was das Buch, welches ja ohnehin bereits autobiographische Züge innehält, zu einer Art Erinnerung an den Autor werden lässt.
Ein einziger kleiner Wermutstropfen ist die hin und wieder etwas doch exzessive Zeichensetzung, vor allem der Gebrauch von Ausrufezeichen, welcher sich nicht in jedem Fall mit den sehr ruhigen Sätzen Lis in Einklang steht. Auch sollte man noch einmal nach Druckfehlern durchsehen, hin und wieder ist versehentlich ein „b“ zu einem „d“ verkommen- gewiss nichts Schlimmes, aber eine einfühlsame Redigierung kann niemals schaden.

Bewertung:
Ohne Frage: 5 von 5 fließende Yalus. Man kann nur hoffen, dass es dieses Buch es auch in die deutschen Bücherregale schafft.
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