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Oh Jung- Hee: Der Gedenkstein
 Admin|Ralf, Verfasst am: Mi Aug 23, 2006 15:46

Der Gedenkstein
Erzählungen
Oh Jung-Hee, übersetzt und mit einem Nachwort von Kim Sun-Hi und Edeltrud Kim
ISBN: 3-86532-036-8
Pendragon Verlag Bielefeld, 2006, www.pendragon.de
gebunden, 272 Seiten
Preis: € 18,50

Über den Inhalt:
Am Morgen meines vierundvierzigsten Geburtstages hatte ich, wie an jedem anderen Tag, die Augen aufgemacht, als der auf sechs Uhr gestellte Wecker klingelte.“, so beginnt der Tag, an dem sich die Heldin aufmacht, über ihr bisheriges Leben zu resümieren- angefangen von ihrer Geburt, welche sich wohl oder übel durchweg als ein Fall aller zwei Jahre wiederkehrender Routine für ihre Mutter bezeichnen ließe und über dessen Umstände heute wohl nichts mehr zu erfahren seien. Was sind 44 Jahre in einem Menschenleben- diese Frage wird sie an diesem Tag nicht mehr loslassen.
Vierundvierzig Jahre- „das ist nicht nur ein Zeitraum, in dem man reich oder arm werden kann, in dem man Staatspräsident oder Zauberer werden kann.“ resümiert sie, und weiter: „Ich hätte auf der Suche nach einem Glied der Evolutionskette seit Erschaffung der Welt tausend Kilometer auf dem Meer über den Äquator hinweg zu den Galapagos- Inseln reisen können, ich hätte auch nach Afrika gehen und mich dort mit Hingabe der Heilkunst widmen können…“ Doch das Leben wollte es anders- sie lebt nun als Hausfrau in einer mittleren Kleinstadt, ließt Gedichte und Essays, welche gerade in Mode sind und leidet an chronischer Migräne.
Sie jedoch beschwert sich nicht über die nach außen glückliche Ehe, immerhin haben beide die schwere Zeit ihrer Kindheit im kriegszerstörten Korea, die „Frühlinge ohne Mittagessen“, wie sie es ausdrückt, hinter sich gelassen und zu einem normalen Leben gefunden.
Warum aber zögert sie nur mit dem Verkauf der alten, engen Apartmentwohnung? Vielmehr noch: Was zieht sie immer wieder dorthin zurück- in die viel zu kleine Wohnung, von der aus man einen freien Blick auf ein altes Giebelhaus traditionellen koreanischen Stiles an einem Teich hat? Wieso bleiben ihre Gedanken an diesem Tag an dem Dorf ihrer Kindheit hängen? An den alten Dorfbrunnen, in dem angeblich ein goldener Karpfen lebe, in welchem auch ihre Freundin den Tod fand und der danach zugeschüttet wurde? Und was erwartet sie von ihren Anrufen unter SEINER Telefonnummer, wo sie doch weiß, dass ER bereits vor einigen Jahren gestorben ist…
All das wird ihr erst nach und nach bewusst. Nur der alte Brunnen- für sie ist und er das Heim des goldenen Karpfens aus den Erzählungen ihrer Großmutter.

Es ist ein Feuerwerk anberaumt- abends, am Flussufer der kleinen Stadt, die nun- es ist eine Entscheidung von ganz oben- in einem großen Volksfestspektakel einen neuen Namen verliehen bekommen soll. Das Ereignis soll mittels Rundfunk und Fernsehen im ganzen Land übertragen werden- doch in der Familie Yongjos herrscht nur mäßiges Interesse daran. Während der Junge den eintönigen Erläuterungen des Lehrers in der Schule eher keinerlei Aufmerksamkeit schenkt und stattdessen lieber mit dem heimlich entwendeten Brillenglas seines Vaters Lichtstrahlen so einfängt, dass diese sich zu einem hellen Lichtpunkt auf seinem weißen Papier sammeln, welches sich unter der Last des Lichtes dunkel verfärbt und sich schließlich den Flammen hingeben will- natürlich sehr zum Unwillen seines Lehrers, welcher darauf auch sehr ungehalten reagiert und eine dafür Ohrfeige verpasst.
Auch Yongjos Mutter drücken die Sorgen. Einst stolze Besitzerin einer Hühnerfarm, wurde der Großteil ihrer Tiere durch eine heimtückische Infektionskrankheit nieder gerafft und nun hat in den stark dezimierten Bestand der altersschwache Hahn das Sagen- welch eine Allegorie! Dieser drangsaliert nun die wenigen, verbliebenen Hennen derart, dass die Todesschreie weder in Nacht, von am Tage ausbleiben. Letzten Endes soll Yongjo den Hahn dem Lehrer bringen- als Suppenhuhn- und erfährt, dass der allgegenwärtige modrige Verfall ebenso in dessen Haus Einzug gehalten hat.
Und auch sein Vater, Kwanhi, Besitzer eines kleinen Antiquitätenladen, dessen mittäglicher Besuch es Apothekers zu einer ungewollten Stunde der Offenbarung wird- eben jener Apotheker nämlich leidet schon seit einiger Zeit an Leukämie und vertraut sich ihm an, in der Hoffnung, in der bevorstehenden Zeit der zunehmend immer schwerer werdenden Verheimlichung seiner Krankheit einen Verbündeten zu finden.
Und während jeder der agierenden mit seine momentanen und seinen vergangenen Altlasten zu kämpfen hat, werden auf dem Weg Flugblätter verteilt mit der Aufschrift: „Das neue Jahrtausend unserer Heimatstadt Unyang und die Hauptleistungen der Fünften Republik…“

Der Gedenkstein steht, unansehnlich verwaschen und als Mahnmal für etwas, an das sich keiner mehr erinnern kann im Gedenksteinviertel. Nur die Alten hatten ihren Kindern die Geschichte weitergegeben, dass dieser Stein angeblich an eine längst vergangene Zeit der Dürre und Verwahrlosung erinnern solle, in der die jungen Männer aus dem Dorf aus Verzweiflung zum Äußersten griffen und ihre Haarknoten in der Hoffnung auf Regen dem Himmel opferten. Davon jedoch spürt und weiß man heute so gut wie nichts mehr.
Auch Hyondos Familie, eine Familie von Fischern und Bootsverleihern, einflussreich weil wohl situiert- der Großvater verlieht zu gutem Zins sein Geld- ist mit anderen Sorgen beschäftigt. Seit dem Tode des Familienoberhauptes, welches buchstäblich das Wissen um sein Geld und seine Schuldner mit ins Grab nahm, geht es den Mitgliedern zunehmend wirtschaftlich schlechter. Die Niederlage Japans und der Rückzug der Japaner spitzen die Situation nur noch mehr zu, denn plötzlich sehen sie sich auch noch den Vorwürfen, angebliche Kollaborateure gewesen zu sein, ausgesetzt. Während Hyondo davon nicht allzu viel verstehend, den Gedenksein als Tribüne, als Wachturm, um die Geschehnisse seiner zu beobachten, nutzt und um ein Hauch sogar den triumphalen Einzug der von den Kommunisten eingesetzten angeblichen „Volkshelden“, gemeint ist Kim Il Sung, verpasst, bricht der Zusammenhalt seiner Familie förmlich auseinander...

Fazit:
Oh Jung- Hee praktiziert literarisch etwas, was man heute nur noch selten finden kann, nämlich eine radikale Parteilosigkeit gegenüber Ihren Figuren. Diese, deren Inneres immer wieder durch den Spiegel im Grunde genommen erbarmungsloser Situationen und Dialoge des Alltages nach außen dringen, werden von ihr selbst weder zu moralischen Instanzen, noch zu klaren Opfern oder Tätern erhoben- sie bleiben Menschen, so unspektakulär diese Existenz auch sein mag. Oftmals erzählt sie ihre Geschichte aus den Augen des Kindes, welches, scheinbar naiv und völlig unfähig zu urteilen, die Situation um sich wahrnimmt so wie sie tatsächlich ist.
Auch fällt auf, dass sich die Schriftstellerin sich an keiner Stelle sich der Sentimentalität bedient oder gar bei ihren Charaktere auf eine festgelegte Rolle als Opfer, Kontrahent oder Täter beschränkt, vielmehr werden gerade noch in Bedrängnis geratene Opfer zu Tätern und es will scheinen, als hätten sie nur eines gemeinsam: Den Drang zu verspüren, notfalls auch das Schicksal in die eigene Hand zunehmen, und das auch über moralische Bedenken hinweg.
Solch eine kuragiert aufrichtig und schonungslos unsentimentale Art des Schreibens ohne sich je zu einer politischen oder moralischen Instanz aufzuschwingen oder einen Hang zu einem drögen Realismus zu bekommen- das liest sich heutzutage nicht allzu oft.

Bewertung:
Offen gesprochen macht die Autorin es einem als Leser nicht leicht, ihre Figuren erlauben es einfach nicht, sich in der Sympathie des Lesers zu sonnen. Aus diesem Grund war sich der Rezensent auch lange unsicher, wie und an welchen Maßstäben die Bewertung fest zu machen sei. Jedoch zeugen all ihre Erzählungen von einer unkorrumpierbaren Unvoreingenommenheit zum Leben und zu den Umständen der Vergangenheit, welche das Buch quasi zu einem must- read für Korea- interessierte Leser werden lässt: 5 von 5 Büchersterne.
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